Die Arbeitsbedingungen im Kino Babylon (Mitte) machen mal wieder Schlagzeilen. Wir sprachen mit Andreas Heinze vom Betriebsrat, Lars Röhm von der FAU-Betriebsgruppe (Freie ArbeiterInnen Union) und Jason Kirkpatrick, einem früheren Angestellten, der im Juli 2008 vors Arbeitsgericht zog. Kinochef Timothy Grossman stand für ein Interview nicht zur Verfügung. Timothy, wir bleiben dran!
Die Belegschaft aus StudentInnen verdient am Einlass 5,50 EUR, an der Kasse 6 EUR und als Filmvorführer 6,40 EUR (Netto) die Stunde, angeblich der branchenübliche Mindestlohn (s. Brancheninfo). Arbeitsverträge werden in Form von mündlichen Absprachen vereinbart. Auf diese Weise können Angestellte, die nach Lohn, Urlaub oder Lohnfortzahlungen im Krankheitsfall fragen, ganz schnell ausgetauscht werden.
Protest auf der Berlinale
Genau das ist während der 59. Berlinale passiert. Die Hosen voll von den Forderungen der Belegschaft, engagierte Grossman drei neue Filmvorführer und wechselte das Personal aus, um den reibungslosen Ablauf des „Generation 14plus“ Programms zu sichern. Gefordert wurde eine Erhöhung des Stundenlohns auf 16 EUR/Std. für Vorführer, sowie 12 EUR/Std. für Service und Kasse für die Zeit der Berlinale, da das Glemma-Festival auch eine höhere Arbeitsbelastung mit sich bringt. Mit der Neueinstellung von Aushilfskräften wurden die Forderungen der Belegschaft allerdings kalt abserviert.
Deshalb kamen am 13. Februar 2009 zwischen 40 und 50 Menschen zu einer Kundgebung vor dem roten Teppich zusammen, um für bessere Arbeitsbedingungen zu demonstrieren. In Redebeiträgen und Flugblättern wurden Berlinale-BesucherInnen über die Situation und die Forderungen der Angestellten informiert.
Brancheninfo
Denn dass es so etwas wie „branchenübliche Mindestlöhne“ gar nicht gibt, machen die Kinos der CinemaxX AG und der Yorck-Gruppe vor. Seit dem 7. Februar 2008 gibt es für CinemaxX-Beschäftigte einen Tarifvertrag, der stufenweise Lohnerhöhungen von 6,50 EUR auf 8 EUR vorsieht. Damit werden die von Unternehmensseite seit 2004 eingeführten Niedriglöhne an die bisherigen Einkommenshöhen herangeführt. (http://www.labournet.de/medien-it/) Auch in den 12 Kinos der Berliner Yorck-Gruppe gibt es unbefristete Arbeitsverträge, einen Staffellohn, 30 Tage Urlaub und nach zwei Jahren 8,25 EUR an der Kasse.
Warum? Unternehmen mit Betriebsräten zahlen eben deutlich höhere Löhne und halten die Mindeststandards ein. Zudem ist die sogenannte Lohnspreizung, der Unterschied zwischen den Vergütungsgruppen, geringer. Dass der Arbeitskampf im Berliner Babylon ein Problem vieler prekär Beschäftigter im Kulturbereich öffentlich macht, lässt sich auch durch Tarifmärchen nicht schöner reden. In Museen, Theatern und vielen anderen öffentlich geförderten Unternehmen wird mit den Beschäftigten miserabel umgegangen.
Falsches Programm
Das Babylon ist für seinen erfolgreichen Mix aus öffentlich geförderten und kommerziellen Kulturangeboten bekannt und sorgt für ein spannendes und visionäres Programm, das seinesgleichen sucht. “Ein authentischer Hauch voller Kraft und Anarchie wird uns entgegenwehen”, ließen die Macher im Mai 2008 verlauten. Vor dem Kino wurde ein umgekipptes Auto platziert und Pflastersteine arrangiert. Das macht schon irgendwie Lust auf mehr – vor allem nach dem Kinobesuch! Aber was ist das Babylon anderes, als ein „H&M“ für den pseudo-revolutionären Lifestyle, wenn es sein und unser kulturelles Kapital aus Urlaubstagen, Krankheitsgeldern, mündlichen Arbeitsverträgen und Niedriglöhnen freipresst?
| Bittere Ironie: Am Sonntag, den 22.02.2009 um 13.30 Uhr hatte ausgerechnet ein Dokumentarfilm im Kino Babylon Premiere, in dem eine Hausarbeiterin ohne Papiere vors Arbeitsgericht zieht: “Mit einem Lächeln auf den Lippen.” (ein Film von Anne Frisius in Zusammenarbeit mit Nadja Damm und Mónica Orjeda, http://www.kiezfilme.de/laecheln)
Die Veranstaltung im Kino selbst wurde vom Bildungswerk Berlin der Heinrich-Böll-Stiftung unterstützt und aus Mitteln der Stiftung Deutsche Klassenlotterie Berlin realisiert. (s. Jason’s Prozess) |
Widersprüche dieser Art haben ein Um-die-Ecke-Denken zur Voraussetzung, das an wirklicher gesellschaftlicher Veränderung nicht ernsthaft interessiert ist – ein Hauch „voller Kraft und Anarchie“, der eher an die letzten Atemzüge der liberalistischen Krisenwirtschaft erinnert. Die Kino-GmbH ist nunmal keine „Non-Profit-Organisation“, auch wenn es in Stellungnahmen der Geschäftsleitung gerne so dargestellt wird.
Betriebsrat
Sind die 320.700 EUR der Senatskanzlei für Kultur nun zu wenig für das Babylon? Oder arbeitet die „Neue Babylon Berlin GmbH“ einfach unwirtschaftlich? Sind die Forderungen der Belegschaft eine gemeine Sauerei? Die Frage ist vielmehr, wer die Definitionsmacht über die Leistungen der Beschäftigten innehält und genau darum will der im November 2008 gegründete Betriebsrat kämpfen.
Download:
Das Video Babylon.ogg (59,50 MB) für den VLC-Player
Weitere Quellen:
Weblog einiger Angestellter: http://prekba.blogsport.de
Jason’s Prozess: http://www.fau.org/ortsgruppen/berlin/art_0807/
FAU Berlin: http://www.fau.org/ortsgruppen/berlin
Indymedia: http://de.indymedia.org/2009/02/242103.shtml
Auch Arbeitgeber profitieren: http://service.t-online.de/16902576.html
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Anm.: Der hier eingetragene Kommentar wurde wegen einer Unterlassungsaufforderung der Geschäftsleitung des Kinos zensiert. Timothy Grossmann sah seine Persönlichkeitsrechte durch die Aufforderung zu körperlicher Gewalt mit einem Zitat von Klaus Kinski bedroht.
[...] Berliner Freundeskreis Videoclips hat eine kleine Doku zur Kundgebung geschnitten, zu der Beschäftigten des Filmtheater Babylon zum 13. Feburar vor das [...]
[...] gibt einen etwa achtminütigen Film des Freundeskreises Videoclips: Die Arbeitsbedingungen im Kino Babylon (Mitte) machen mal wieder [...]
Hallo Andreas! Leider zu spät von der Demo erfahren.
Hab ja selber mal unter Berlinale-Bedingungen gearbeitet, aber dann noch raffen, wie diese Windhunde taktieren!?
Rot angestrichener Neoliberalismus-Babylon. Werbung sei dank!
Ich schließe mich dem 1. Schreiber an: Auf die ******, wenn möglich juristisch, wenn nicht – erfahrbar!
Neoliberale-Quirle sollten nun endlich kaltgestellt werden.
Wenn nicht jetzt, wann dann!
Hey Ax, Du noch da! Gut zu wissen, daß Du gekommen wärst und unsern Kampf verstehst und unterstützt. Und auch, daß man langsam Bescheid weiß in Kinokreisen.
Laß Dich nicht unterkriegen, bis demnächst mal!
[...] Wegen erfolglos gegen die Berichterstattung über die Zustände im Babylon Mitte bei Freundeskreis Videoclips und Analyse, Kritik & Aktion vor. Erfolgreicher war der Versuch einen Gewerkschafter [...]
[...] mehr unbegründete Kündigungen aussprechen, Gewerkschafter_innen rausschmeißen und solidarische Medienaktivist_innen und andere Unterstützer_innen juristisch behelligen. Die gewerkschaftliche Betriebsgruppe ist [...]
[...] gibt es genug, kommunizieren doch Geschäfts- und die Theaterleitung meist lieber schriftlich (Mitarbeiter feuern ist einfacher als mit ihnen zu reden). Selbstverständlich möchten die herzlich Eingeladenen auch gerne wissen worum es geht, und wie [...]
[...] Agenten: Ausgerechnet mit Hilfe des Verfassungsschutzes geht die Geschäftsführung des Berliner Kinos "Babylon Mitte" gegen ihre Angestellten vor, die sich seit Monaten in Auseinandersetzungen um bessere Arbeitsbedingungen mit ihrem Arbeitgeber befinden. Siehe auch den Bericht beim Freundeskreis Videoclips. [...]
[...] freuen uns, daß beim Nürnberger Kulturfestival Gostenhof RuleZ! auch folgender Film präsentiert wird (ihr kennt ihn vielleicht, war auch hier schon zu [...]
[...] werden auch Filme, die die Arbeitsbedingungen in Berliner Kinos [...]
[...] Situation der Angestellten im angeblich linksalternativen Kino Babylon in Berlin ging. Sie dazu hier und hier sowie die Film-Dokumentation zum Thema. Da wurde hinter dem Rücken der im Arbeitskampf [...]